Hamburg Hauptbahnhof, 7. April 1936: Der neue LBE-Doppeldeckzug - 2x dasselbe Foto? --fast!

His Glanzzeit Bild 08Erstellt am Sonntag, 01. April 2012
Geschrieben von Klaus Busse

Jeder kennt das in Magazinen verbreitete Bilderrätsel "Original und Fälschung" - es gibt nun einen besonderen Anlass,  dazu ein historisches Beispiel aus der Geschichte der LBE zu präsentieren!

Ansichtskarte 1 800  Gott 3 WZ 3 800 


Zwei Bilder derselben Situation? Auf den ersten Blick vollkommen gleich (– bis auf den Werbeschriftzug und den etwas anderen Bildausschnitt ).

Die erste Fassung des Fotos (die mit dem Werbe-Schriftzug) war in diesem Forum bereits vor längerer Zeit gezeigt worden.

Die zweite Fassung (eine offensichtlich unretuschierte Ursprungsfassung) des Fotos fand der Autor dieser Zeilen kürzlich in einem Buch über die Stromlinien-Lokomotiven in Deutschland, einem Werk des bekannten Autors Dr. Alfred Gottwaldt, deren Veröffentlichung er uns für diese Gegenüberstellung freundlicherweise gestattet hat.

Bei genauerem Bildstudium finden sich aber doch ein paar Unterschiede:

Was sofort ins Auge fällt, ist der Spiegelglanz LBE-Mickey-Maus auf dem Werbefoto – im Vergleich kann man hier das Werk des Retoucheurs erkennen, der (wie ich finde) diesen Glanz durchaus glaubhaft erzeugt hat. Dabei hat er auch gleich die Zeichen der Vorstellungsfahrt, nämlich die Girlanden und die an das 3. Spitzenlicht gesteckten „zeit-genössischen“ Fähnchen „beseitigt“.

Dieser Schmuck ist aber der entscheidende Hinweis auf das Aufnahmedatum, nämlich den 7. April 1936. Die Postkarte enthält selbst keinen Hinweis auf das Aufnahmedatum, wurde aber offensichtlich noch längere Zeit verkauft. Die Bildunterschrift im Buch "Hamburg Hauptbahnhof" von H. Hoyer, D. Lawrenz und B. Wiesmüller "Nur zwei Jahre nach Übernahmer der LBE wird auf dieser Postkarte Werbung für den Doppeldeckzug der Deutschen Reichsbahn gemacht, während die nunmehrige 60 001 ..." ist ein Beispiel historischer Fehlinterpretation zum wahren Aufnahmedatum.

So retouchiert wirkt der Zug im Bild zwar aalglatt - aber mit einem Flair von Alltagsbetrieb. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir aber noch ein paar weitere Fehler, die bei der Bildbearbeitung gemacht wurden: So wurden aus den Abdeckungen über den Puffern dann doch wieder „Lampen“ während die echten Lampen (unter den Puffern) nun fast untergehen.

Aber nicht nur der neue Stromlinienzug wurde bearbeitet. Auch die mit ins Bild geratene Rangierabteilung – das auf die linke Loklaterne aufgesteckte Rangierkennzeichen „B“ im unbearbeiteten Bild ist der Beleg – mit der T18 wurde noch „getunt“. Die Loklaterne wurde vom Rangier-Kennzeichen befreit und derart so könnte die Lok mit den beiden Schnellzugwagen ja auch einen Sonderzug o.ä. darstellen. Nun sind wir aber sicher, dass 78 506 vom Bw Hamburg Berl. die angehängten Wagen nur in der Funktion der Rangierlok innerhalb des Bahnhofs bzw. vom bzw. zum Abstellbahnhof bewegt.

Weiterhin offen bleibt derzeit noch die Frage, ob es sich um planmäßig umzusetzende Kurswagen handelt, die 78 506 am Haken hat, oder vielleicht doch um die Wagen des Sonderzugs, der an eben diesem Tag um kurz vor 11:00 Uhr mit Gästen aus Lübeck zur Präsentationsfahrt des neuen Doppeldeck-Stromlinienzugs angekommen war.

Am Schluss vielleicht noch ein paar Worte zum Aufnahmeort und zu weiteren Einzelheiten:

Die ganze Szenerie wurde von der Brücke der „Ernst-Merck-Straße“ aufgenommen. Der LBE-Doppeldeckzug fährt vom Abstellbahnhof Hamburg Berl. kommend auf dem „Passagegleis“ (Gleis 7), um über den westlichen Bahnhofskopf per Kopf-Machen dann an den Abgangs-Bahnsteig (nach Berlin und Lübeck - Gleise 5 und 6) zurück zu setzen.

78 506 dagegen steht mit ihren beiden D-Zug-Wagen auf dem Stumpfgleis 39, das vor dem Unterbau der Wandelhalle endete, wie auch die übrigen Stumpfgleise auf deiser Seite des Hauptbahnhofs. Daher ist sicher, dass sie nur zwei Wagen am Haken haben kann (der Sonderzug aus Lübeck hatte 3 Wagen!) und sich nicht noch ein weiterer Wagen im Schatten der Halle verbirgt.

Der Wagen, welcher links ganz im Hintergrund, vmtl. auf dem Stumpfgleis 35 stehend, gerade noch zu erkennen ist, ist auch eine Bemerkung wert: es handelt sich höchstwahrscheinlich um einen der 1898 aus jeweils zwei Wagenkästen der ersten Schlafwagen der Bauart „Bromberg“ entstandenen 4-achsigen Wagen der Gattung AB4 Pr98 (mit innerem Durchgang aber ohne Übergangseinrichtungen), der zu diesem Zeitpunkt wohl schon Bahndienstwagen bei der Rbd Altona war. (Aus dem Jahr 1939 gibt es ein Foto von E.Schörner, aufgenommen am anderen Bahnhofskopf des Hamburger Hbf mit der Stromlinien-Tenderlok 74 1321, auf dem der Wagen im Hintergrund auch fast komplett zu sehen ist).

Zur Einladungsfahrt wurde eingeladen, Link dazu [hier].